| Jeantex-TOUR-Transalp - Tag 7 |
Samstag, 04.07. - 7. Etappe: Kaltern - Arco, 102,73 km / 1546 Hm
6:00 Uhr: „Riders in the storm"... Komme!!! Finale. Oh ho... ! Kurz, brettflach, was sollte hier schon anbrennen. Die größte Hürde des Tages, nahm ich um 6:56 Uhr. Todesmutig schnappte ich mir, zu diesem Zeitpunkt Anjas Tasche und bugsierte sie zielgerichtet zur Rezeption. Puh! Die Druckstellen der Tasche auf den 25cm dicken Marmorfußboden werden wohl in ewiger Erinnerung verbleiben. Das Frühstück war sehr gut. Und ich muss sagen, dass dieses das schönste Hotel war. Wir rollten zum Start. Es ging ausschließlich bergab. Der Start und die Neutralisation verliefen überwiegend entspannt. Es ging lange Zeit bergab und durch herrliche Weinanbaugebiete. Hier und da versprühte ein Wassersprenger kühles Nass auf das Fahrerfeld. Es war mit über 25° Celsius bereits morgens sehr warm. Letztes Jahr soll es hier die meisten Stürze gegeben haben. Heute war alles entspannt. Etwa fünf Kilometer vor Ende der Neutralisation hatte ich Vorderradschaden. Ich signalisierte Anja, dass alles okay sei und ich schnell nachkommen würde. Ich fuhr an den linken Straßenrand und wartete an einer Ausbuchtung, mit dem Vorderrad in der Hand, auf das Materialfahrzeug von Erwin Rose. Es dauerte sehr lange. Ich befand mich vor dem Schaden vorne im Startblock B, es folgte der C-Block und der D-Block. Danach kam die Carabinierie, Krankenwagen und was weiß ich nicht noch alles. Der Rosemann sichtete mich und steuerte sein Fahrzeug rasch und gekonnte in die Straßenausbuchtung, die ich für diesen Fall extra gewählte hatte. Selbst Hand anlegen und Schlauch wechseln, kam für mich nicht in Frage, weil, ja weil ich mein schneeweißes Bob-Trikot samt Hose, Rennsocken und Schuhe trug und diese Kombination nicht durch Schmier und Dreck verschandeln wollte. Unmöglich! Mr. Rose war sehr freundlich und hilfsbereit und gab mir sogleich ein komplett neues Vorderrad, nachdem ich ihm meine Startnummer genannt hatte. Es ging sehr schnell. Ich rief ihm noch zu, dass er mich ans Auto nehmen sollte. Gesagt, getan. Er brachte mich mit etwa 50km/h wieder zurück an 's Ende des D-Blocks. Ab jetzt war ich gezwungen mich alleine durch die Startblöcke zu fräsen. Ich erntete nicht viel Zustimmung für meine Fahrweise. Andererseits konnte und wollte ich nicht jedem meine Situation referieren. So erreichte ich die Rennkommissare am Anfang des D-Blocks. Ich erläuterte mein Vorhaben und bekam freies Geleit. Im C-Block die gleiche Prozedur. Doch leider stoppte mich und natürlich das ganze Feld, eine geschlossene Bahnschranke. Bis das Feld sich langsam wieder in Bewegung setzte, vergingen gefühlte Ewigkeiten. Kurz darauf war die neutrale Phase beendet und es galt „Feuer frei". Ich befand mich sogleich im Anstieg des ersten Passes des heutigen Tages, den Passo „Fai della Paganella" (1132m). So heißen Opern, aber doch keine Berge, oder? Ich erreichte Anja und wir kurbelten mit der Konkurrenz den Huckel hoch. In unserer Nachbarschaft befanden sich die anderen Mixed Teams „Trümpis" und „Fix & Foxxi". Es lief sehr gut bei uns und ich erprobte den ein oder anderen psychologischen Trick. Probanden Nummer 1 waren die „Trümpis". Anja war voraus und ich fuhr parallel zu ihnen und begann sogleich, Schmatzriegel im Anstieg zu essen und Melodien zu pfeifen. Die beiden waren schwer mit gegenseitigem Anschieben beschäftigt und würdigten mich keinen Blickes. Ich ließ indes nicht locker und ihr Unbehagen stieg. Einige Minuten später kurbelte ich wieder zu Anja vor und vergaß die beiden. Etwa zwei Kilometer vor dem Kulminationspunkt schlossen „BSG Radtreff Team Nr. 1" zu uns auf. Er war richtig stark und schob seine Madame bereits die ganze Woche kräftig die Berge hoch. Ich selektierte die beiden sofort zu Probanden Nr. 2. Ich ließ mich zurückfallen und fuhr ebenfalls parallel zu ihnen. In den sehr wenigen Pausen in denen er sie nicht anschob, fuhr ich direkt links neben ihr, um das neuerliche Anschieben zu unterbinden. Verwundert blickte mich der weibliche Part des Teams an. Ich hatte bereits mein Pokerface aufgesetzt und versuchte es mit belangloser Konversation. Der Nährboden dafür war nicht gegeben, denn sie war sehr kurzatmig. In den Phasen, in denen er doch anschob, fuhr ich direkt an ihrem Hinterrad und ließ meinen Freilauf klackern oder pfiff „Love will tear us apart" von Joy Division. Das hinterließ nun sehr deutliche Spuren an ihr. Anfängliche böse Blicke wurden nun durch Flüche und „Hau ab" begleitet. Ihr Begleiter sah es sportlich. Er verstand wohl, dass ich ihnen lediglich klarmachen wollte, dass wir solche Tricks nicht nötig hatten. Einen Streit wollte ich natürlich nicht provozieren. Indes fuhr er vor und setzte sich nun seinerseits neben Anja. Sie war ein wenig verwundert, weil sie ja nicht wissen konnte, was hinter ihr geschehen war. So erreichten wir die Verpflegungsstelle. Wir hielten an und sie fuhren weiter. Heute war nicht mehr der Tag, große Sprünge im Klassement zu machen und wir waren mit dem bisher Erreichten auch mehr als zufrieden. Obwohl, „BSG Radtreff Team Nr. 1" war direkt hinter uns platziert und diesen Platz wollten wir auf keinem Fall mehr hergeben. In der anschließenden Abfahrt und Flachpassagen lief wieder alles zusammen. Wir fuhren in den vorderen Reihen und ließen es laufen. Plötzlich reihten sich „Tunnelblick" und noch ein paar Kräftige vorne ein und zogen mächtig am Horn. Anja hatte ein wenig Mühe zu folgen, denn es fehlt ihr bei solchen Passagen an Kraft und vor allem an Gewicht. Ich fuhr hinter ihr und wollte von hinten abschirmen. Als ich mich umdrehte, sah ich hinter mir ein beachtliches Loch zu den anderen Mixed Teams. Ich führte Anja ein um 's andere mal zurück zur „Ü80kg" Gruppe, um die Lücke nach hinten größer werden zu lassen. Auf einem Flachstück schlief das Tempo dann ein. Ich schnellte sofort nach vorne, um den Vorteil nicht verpuffen zu lassen. Nach zwei Minuten Tempodiktat drehte ich mich um, und wollte mich an den Früchten meiner Arbeit laben. Alle wieder dran. Kacke! Macht mal schön ohne mich weiter. Nach 75 km stand die letzte Asphaltblase im Weg, der Passo del Ballino (779m). Herrliche Bezeichnungen haben diese Stiefelbewohner. Klingt immer auch ein wenig nach Amore, fand ich. Die anschließende Abfahrt war wunderschön. Man konnte auf den Gardasee herab blicken. Bedingt durch das schöne Wetter herrschte dort ein reges Treiben von Segelbooten und Surfern. Es war höchste Konzentration gefordert, denn es gab viele Ortdurchfahrten und die Strecke war sehr kurvenreich. Am Fuße der Abfahrt befand sich die Zeitmessung. Peng! Das war 's. Transalp End.
Ich schaute ein wenig verwirrt. Ich fragte Anja, ob 's das jetzt gewesen war. Yoh! In meiner Vorstellung überfuhr ich die Ziellinie vor Abermillionen von tosenden Tifosies in einem packenden Sprintfinale vor Alessandro Petacci. Wir rollten die letzten Kilometer in gemäßigtem Tempo bis in den Start-/ Zielbereich. Ah, hier erwartete uns nun unser verdienter frenetischer Jubel von „Abertausenden" Zuschauern, so annähernd zumindest. Uns wurde der Transponder abgekniffen und vor lauter Dankbarkeit wurde uns ein Empfangszettelchen ausgehändigt. Wir feierten uns und die anderen mit frischen Obstspießen und kühlen Getränken. Unsere Konkurrenten befanden sich allesamt in einem schmalen Zeitfenster. Wir finishten in 3:36.45,2 als 26., was uns im Gesamtklassement ebenfalls den 26. Rang einbrachte. Außerdem hielten wir „BSG Radtreff Team Nr. 1" in Schach und damit locker hinter uns. Nicht 's wie ungut Leute. Konkurrenz belebt das Geschäft. Ich erledigte mein Zeugs (Hotelsuche) und machte mich auf den Weg zum Rosestand, um mein Vorderrad zurück zu holen. Auf dem Parkplatz traf ich auch Steffen, der noch meine Windweste von der Königsetappe hatte. Er hatte die Etappe heute auch mit dem Rad absolviert und schien ein wenig „geschafft" zu sein. Die Lage des Hotels mussten wir im Fremdenverkehrsbüro erfragen. Hier kam Anjas Paradedisziplin wieder zum Tragen. Das Appartement, so will ich 's mal beschreiben, lag 3km außerhalb des Zentrums. Eine freundliche ältere Dame führte uns hinein. Wir teilten uns die Bleibe mit einem weiteren Paar samt fünfjährigem Kind und weiterer Schwester von der Mama oder so. Das ganze bestand aus Eingangsbereich, gleich Küche und Esszimmer, zwei Schlafzimmer (wir und die anderen, s. o.) und einem Badezimmer. Die Zimmersituation war sehr angespannt in Arco, laut Anja. Unsere Habseligkeiten waren glücklicherweise schon vor Ort. Die ältere Dame wird ja wohl nicht ... Anjas Tasche ... Egal, ich ging duschen. Boah, endlich wieder Mensch und der ganze Fahrradkram wird jetzt nicht mehr gebraucht. Während Anja duschte, regelte ich das Finanzielle mit der netten Vermieterin. Mein perfektes Italienisch erwies sich als sehr hilfreich. Unsere direkten Nachbarn oder Mitbewohner trudelten jetzt auch ein und erwiesen sich als sehr nett und sympathisch. Diesem Gesichtpunkt sollte noch allzu große Bedeutung zukommen. Die Fahrradverladung startete ab 15:00 Uhr auf dem großen Parkplatz neben dem Start-/ Zielbereich. Hier sollte morgen auch der Bustransfer zum Startort nach Sonthofen erfolgen. Um circa 16:30 Uhr schnappten wir uns unsere Hightechboliden, um sie dort abzugeben. Ich, nee wir, fuhren im Stehen dort hin. Warum sollte klar sein, denke ich. Die meisten Räder waren schon verladen als wir kamen. Nur schnell die Pedale abschrauben und die Startnummer um 's Oberrohr tüddeln. Anja hatte an alles gedacht und gab mir Innensechskantschlüssel sowie Textilklebeband. Vermutlich einer der Gründe, warum ihre Tasche so schwer war. Welche weiteren Schätze sich dort verborgen hielten, blieb mir leider (für immer) ein Rätsel. Es war die Büchse der Pandora. Meine Pedale hatte ich in Windeseile abgeschraubt. Gute Pflege Herr Doktor. Anjas Pedale waren leider von Hulk Hogan persönlich montiert worden. Ich gab alles und noch mehr. Klatsch, ich rutschte ab und haute mir die rechts Handinnenfläche ins große Kettenblatt. AUUUA!!! Aus dem Teilabstand berechnete ich später, dass es sich um ein 53er Blatt gehandelt haben muss. Ich fluchte wie ein arabischer Rudersklave. Das Blut rann mir die Handfläche runter. Es war kanonenheiß auf diesem bescheuerten Parkplatz und der Stress animierte mich dazu, zu schwitzen wie ein belegtes Käsebrötchen in der Sinaiwüste. Um es freundlich auszudrücken: Ich war mächtig bedient. Um den Burgfrieden aufrecht zu halten, schickte ich Anja zu Rose, die just ihren Stand abbauten. Mit brutalster Gewalt konnte ihr dort geholfen werden. Wir gaben unsere Boliden ab und hofften insgeheim, sie in diesem Zustand wieder in die Arme schließen zu können. Ich nehme es vorweg, wir konnten. In der zweiten Lokalität ließen wir uns nieder. Mein Hauptaugenmerk lag auf ein sehr schattiges Plätzchen, damit die entstandenen Schweißränder wieder trocknen konnten. Ich reinigte meine Handfläche auf der Toilette und Anja hatte sogar Pflaster dabei. Man, was willst du noch mehr. Das Lokal war voller Transalp Teilnehmer und wir grüßten viele bekannte Gesichter. Wir wählten als Aperitif jeweils ein Weizen und so 'n Panini mit was weiß ich was drauf. Hunger! Kai-Uwe kam 'rüber und erzählte uns, wie lange er schon auf sein „Bütti" wartet. Kurz darauf kam sein 's und seine Mitstreiter riefen ihn zu Tisch. Unsere italienische Kniffte kam zum Glück ruck zuck. Sofort bestellten wir noch jeweils ein weiteres Weizenbier. Das Panini verschwand genauso schnell in unseren Mündern, wie es gekommen war. War halt nur so 'n Hab's. Dass zweite Weizen verdunstete in Rekordzeit an mir und ich merkte, dass ich schon einen „im Schuh" hatte. Anja ging 's scheinbar ähnlich, denn Kai-Uwe kam zurück und schien sich über unsere leichte Trunkenheit zu amüsieren. Obwohl, ganz alleine schien auch er nicht mehr zu sein. Wir zahlten und schlenderten zu dritt in eine benachbarte Eisdiele. Es gab 'nen Eis, für auf die Faust, das Anja spendierte. Die Waffel war das geringste Übel, denn es gab so gut wie keine. Entsprechend lief uns das Eis an Hand und Arm runter. Kai-Uwes Vorteil war der, dass das Eis nicht so tief fallen konnte, denn er ist bedeutend weniger als 1,60m groß. Mit dem Eis gingen wir zur Pasta Party. Der Weg führte uns durch die schöne Altstadt zu einer Art Open Air Bühne mit Kletterwand. Scheint hier Volkssport Nummer 1 zu sein. Es gab Essen. Und zwar mit Fleisch! Pasta, Pommes, Broiler und 'nen Becher roten Göttertrunk. Alter! Pommes und halben Hahn, wisst ihr, wie geil das nach so einer Tour sein kann! Weder der Hahn, noch die Pommes verdienten irgendeinen Stern. Das tat unseren Appetit aber nicht den geringsten Abbruch. Wir saßen mit Kai-Uwe und seinem hoch dekorierten Winner-Team (RSV Concordia Forchheim, etliche gute Platzierungen in allen Klassen) am Tisch. Schnell waren auch wir integriert und soffen mit den Jungs um die Wette. Der Druck wich offensichtlich von allen Beteiligten ab. Es nahte die Siegerehrung und was weiß ich nicht noch alles. Der Alkohol tat sein übriges und ich bekam auch nicht mehr alles mit. Es wurde das schwerste Team geehrte und ... ... die schwerste Tasche. Scheiße, ich pisste mir vor lauter Lachen in die Hose. Als Team hatten wir es leider nicht geschafft, geehrt zu werden, aber einen Titel sollte dann doch über Anja vergeben werden. Nummer was weiß ich, verkündete der Moderator. Hä!!! Schiebung, Buh! Ich war außer mir. Ab sofort fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Hier war alles geschoben und abgesprochen. Anschließend wurden alle Helfer namentlich aufgerufen und geehrt. Es wurden die Finishertrikots nach Nummern geordnet verteilt. Wir wurden noch lange nicht erwähnt, trotzdem zog mich Anja mit nach vorne, um ein Trikot zu erhaschen. Die kleinen Größen seien sonst wieder so schnell vergriffen, so war ihre Argumentation. Im dichten Alkoholnebel folgte ich ihr, wie ein braver Dackel. Meinen Widerstand hatte der reichlich fließende Alkohol gebrochen. An den kleinen Größen war was dran. Ich bekam „S" und Anja musste sich mit „XS" begnügen, kleiner gab es die Kostüme nämlich nicht. Nach der langwierigen Zeremonie gaben wir uns mit Bettina und Andreas die „Kante". Im strömenden Regen torkelten wir zurück ins Hotel. Es war spät geworden. Wie spät weiß ich aber nicht mehr. Im Appartement wiesen uns unsere netten Nachbarn mit dezenten Klopfzeichen, darauf hin, den Lärmpegel leicht herunter zu schrauben. Wir hatten ein mittelprächtigen „Lachflash". |