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Also, wir
waren da mal zu sieben RSC’lern im Oetztal, um so’n paar Berge zu überqueren.
Wir, das sind Anja, Thomas, Wolfgang, Ralf, Michael, Frank(der kleine Bruder
von Michael) und Klaus (also ich). Wir alle waren der festen Überzeugung, dass
wir gut und genug trainiert hatten, damit wir diese Aufgabe bewältigen konnten.
Und dann kam ich am 23.August in Sölden (Tirol) an. Wunder schön da und so
viele Rennradsportler.
Naja, ich
hab dann erst mal in aller Ruhe die Koffer ausgepackt. Danach bin ich dann mit
meiner Frau Beate raus, um uns Sölden an zu sehen. Dabei hätte es mich fasst
zerrissen. Ein Radsportler nach dem anderen kamen uns bei ihren
Trainingsfahrten entgegen. Da achtet man schon mal auf die angeschraubten
Ritzelpakete. Immerhin fahre ich stolze 39/53 und die Konkurrenz hatte entweder
ne Dreierkurbel, also so‘n Rentnerblatt oder ne Kompaktkurbel. Ich seh die
Dinger beim ersten Radler, beim zweiten Radler, beim dritten, vierten usw.. Irgendwie
fühle ich, wie mich die Panik ergreift. „Beate, wir müssen ins
Rad-Fachgeschäft, ich brauch ne Kompaktkurbel, sonst bekomme ich den Ötzi nie
gestemmt!“, sage ich zu meine Frau und laufe ohne auf Antwort zu warten ins
nächste Radgeschäft. Der Typ erklärt mir die Vorzüge seiner Superkurbel aus
Carbon mit haste nich gesehn und vor und zurück und so. Toll, ich bin
begeister! „Kaufe ich, was Kostet das Ding?“, frage ich. Der Typ mit
geschwellter Brust: „560€, ist aber schon mit Einbau. Ist ‚nen echter Sonderpreis!“ Das glaube ich auch,
denke ich und frage, ob es denn auch noch ein wenig preiswerter geht. „Ja,
natürlich!“, sagte der Typ und holt ne Kurbel raus die nur 200 Chips‘e kostet.
„Schönen Dank“, sage ich, nehme meine Beate an die Hand und gehe ein Bier
trinken. Was das wohl am Berg wird? Warten wir’s mal ab.
Dann kommt
der Tag der Wahrheit. 26. August 2007, 4:00 Uhr morgens schrillt der Wecker und
holt mich aus meinen eh schwachen schlaf. Zeit ist genügend da, um in aller
Ruhe zu Frühstücken. Danach haue ich mich in das Renntrikot und stelle mich
zusammen mit Wolfgang, Anja und Thomas in die Startaufstellung. Unsere
Unterkunft, Hotel Regina, müsst ihr euch merken. Da kommste aus der Tür und
steht in der Startaufstellung, besser geht’s nicht. Da stehen wir und
warten auf die Freigabe des Rennen’s. Aber vorher steigt noch der Red Bull-Heli
auf und filmt die 4.600 ungeduldigen Verrückten. Dann quatscht der
Veranstaltungssprecher noch was von Vorsicht und gute Fahrt. Dann wurde das
rennen freigegeben.
Wir stehen noch ca. 10 Minuten, bevor wir uns in Bewegung setzten durften. Vorbei geht es
an unzähligen Zuschauern, die mit Kuhglocken einen Höllen Lärm machten und uns aus
Sölden verabschiedeten. Zu erst war die Fahrt gemächlich, so um die 20 km/h.
Nach verlassen von Sölden ging es da mit der Tachonadel Richtung 50, 60, 70
km/h. Nach 20 km hatten sich die ersten Supereiligen auf den Quast gekriegt. Arme
kaputt, Beine Kaputt und das Rad natürlich auch. Aus der Traum!
Für die
anderen ging die Fahrt volle Pulle weiter. 30 Km in 46 Minuten! In Oetz ging es
dann nach rechts ab in den Berg. Mit gleich mal 12% ging‘s los, bevor sich die
Steigung bei 5-6% einpendelte. Noch bevor wir den Ort Ochsengarten erreicht hatten
kam uns einer der Frontfahrer mit explodierter Birne entgegen. Zu schnell, zu steil,
aus der Traum vom fliegen! Wieder einer weniger. Nach „Ochsengarten“ kam dann
das Teilstück, wo der abfahrende Experte seine Schuhe ausgezogen hat.
„Schopflach“ heißt das Stück und hält dir mit 18,2% ganz schön das Hinterrad
fest. Da hilft dann auch dieser ganze teure und neumodische Kurbelkram nichts
mehr. Hier musste treten was’te drauf hast. Na ja, was soll ich euch sagen,
nach 1 ½ Stunden konnten wir oben am Küthai die ersten Bananen des Tages in
Empfang nehmen. Mit einem affen Tempo sind wir dann das Küthai wieder runter
gebrettert. Zwischen 90 und 105 km/h gibt’s da auf dem Tacho. Jesus hilf!!!
Dann ging es
über Innsbruck zum Brenner. Mit durchschnittlich 3% kann man hier eher
ausruhen. Anja und ich fahren in einer Gruppe von 30 Leuten und halten uns im
letzten dritten auf. Die Gruppe fährt ein vernünftiges Tempo und doch darf man
den Brenner nicht unterschätzen. Nach 43 km bergan brennt auch der Brenner in
den Beinen. Oben, an der Labestation gibt’s die nächsten Bananen, Käsebrote und
ordentlich zu trinken. Als Höhepunkt hau ich mir noch nen Red Bull rein, der
ist ja schließlich Sponsor. Anja und ich beschließen den Rest des Weges
gemeinsam zurück zu legen und stürzen uns von der Brenner Höhe in die Tiefe
nach Sterzing.
Von da aus
geht es 15,5 km mit gleichbleibenden 8% den Jaufenpass hinauf. Gemeinsam mit
hunderten von anderen Fahrern schieben wir uns bei 10 km/h den Berg hinauf. Unterwegs
konnte man da so manch einen Wanderer überholen. Unglaublich, wer da am dritten
Pass alles schon sein Pulver verschossen hatte. Ich fühle mich wohl und komme
gut voran. Im Gegenteil, bei der momentanen Leistung am Jaufen fange ich an zu
rechnen. Wenn wir weiter so fahren, Anja ist irgendwo hinter mir, werden wir
die Passhöhe um 13:30 Uhr erreicht haben. Dann eine kurze Pause von 10 Minuten
und ab in Richtung Timmelsjoch. Dafür brauchen wir auch noch mal ca. 3 Stunden.
Also müssten wir um ca. 17:30 - 18:00 Uhr in Sölden ankommen. Na ja, was soll
ich sagen? Das war die Theorie. Die Praxis lief dann doch etwas anders.
Der
Jaufenpass war dann schon ziemlich nah an der Leistungsgrenze. Oben angekommen
fehlte auch noch Anja. Die kam ca. 10 Minuten später oben an und pfiff dann wie
aus dem letzten Loch: „Ich bin total KO! Ich setze mich in den Besenwagen. Ich
kann nicht mehr!!!“ „Aufgeben gibt’s nicht!“, sage ich und führe Anja erst mal
an den Trog. Da treffen wir auch die Heidenfelders. Beim verzehren von Bananen,
Müsliriegeln, Schmalzbroten und diversen Drinks tauschten wir kurz die ersten
Erfahrungen aus. Anja sah danach wieder brauchbarer aus und wir sagten den
letzten Berg des Tages den Kampf an. Warm angezogen rollen wir den Jaufenpass
Richtung St. Leonhard hinunter. Kaum dass die Frau wieder nen bisschen besser
drauf war, donnert die den Berg runter. Ich bremse Anja ein. "Langsam den Berg
hinunter, dann können wir uns noch ein wenig ausruhen!", rufe ich ihr zu. Ihr glaubt es nicht,
aber die hat auf mich gehört! Wow, das kriege ich nicht mal zu Hause bei meiner Frau hin!
14:30 Uhr
sind wir in St. Leonhard. Da unten sind wir schon heiß gelaufen ohne irgendwas
am Timmelsjoch getan zu haben. Wir halten an und ziehen uns die Jacken aus.
Der Lorenz knallt mit 26 Grad vom Himmel als wollte er sich schon jetzt über
unsere Arbeit am Berg kaputtlachen.
Frauen haben immer ein Gespür für die Situation und müssen immer dann, wenn
weit und breit kein Örtchen in der Nähe ist. Ich will also gerade losfahren da
ruft die haaaaalt ich muss! Anja sucht den Rand einer Wiese auf und ich beschäftige
mich noch mal mit meiner Trinkflasche. Dann geht’s in den Berg. Mit 7 km/h
fahren wir Rad an Rad Richtung Moos. Wir merken schon, dass wir anständig viele
Körner gelassen haben. Nach Moos steuere ich in einer Rechtskurve die linke
Straßenseite an, da war nämlich Schatten. Anja steigt auch vom Rad. Meinen Hut
setze ich ab, da der schon lichterloh brennt. Wir ruhen uns ein wenig aus und
haben sogar Glück dabei, da wir von einem Beleitmotorad Getränke bekommen. Dann
wieder auf‘s Rad, da es bis Schönau noch einige Kilometer zu treten gilt. Nach
gut einem Kilometer bergan spüre ich eine kalten Zug am Kopf und im gleichen
Moment wird’s fürchterlich heiß. Herr im Himmel Hilf ,meinen Helm lieg noch in
der Moos-Kurve. Mir fällt’s wirklich nicht leicht, aber ich kehre um und rolle
diesen letzten Kilometer wieder bergab. Alle grinsen mich an, als wollten sie
sagen: „Wieder einer weniger“. Aber wartet, ich komme zurück!!!
Der Helm liegt noch so da, wie ich ihn hingelegt hatte. Bestimmt hatten die
anderen Ötzi's alle Respekt vor dem Anblick. Da liegt nur ein Helm?! Schon wieder einer
verdampft!!! In Ehrfurcht vor diesem Anblick hebe ich ganz langsam den Helm auf,
befestige ihn am Lenker und nehme den Kampf mit dem Berg erneut auf.
Im langsamen
Vorwärtsgang bewege ich mich Richtung Schönau, der letzten Labestation.
Unterwegs ist absoluter Wandertag angesagt. Das Elend am Straßenrand nimmt kein
Ende. Der Eine verliert beim Kampf gegen den Krampf, der Andere liegt vor
Erschöpfung auf einer Mauer. Ein dritter wird von seinem Kollegen geschoben.
Das dauert auch nicht lange, dann gehen beide zu Fuß. Ich komme mit den letzten
Körner in Schönau an und pfeife mir erstmal ‚nen Red Bull rein. Die Sicht wird
wieder klar und ich entdecke Anja mit den Heidenfelders an einem Zaun lehnend. Wir
erholen uns alle vier und diskutieren über den Streckenverlauf bis ich die
Frage stelle: „Wann sind wir oben?“ Da fängt Michael an zu erklären. „Siehst du
den Berg da? Ganz oben das Schwarze, da! Da müssen wir durch! Das sind noch 8
Kilometer!“ Mir wird schlagartig schlecht, weil meine Augen das Schwarze nicht
sehen. Oder ist es die Tatsache, dass die 8 Kilometer mit 12-14% im wahrsten
Sinne des Wortes der Gipfel sind?
Es hilft
alles nichts! Der Zosse wartet schon. Wir schwingen uns mit dem letzten Elan auf
die Räder und dürfen noch gute 2 Kilometer mit leichten 6% dem Tunnel entgegen
reiten. Dann kommt die Kehre die sich niemand wünscht. Ab hier nur noch 12%. Es
dauert nicht lange, dann hört man(n) (frau bestimmt auch) die Halsschlagader
pochen. Jeder Meter Quälerei! Trotzdem bin ich begeistert, weil die meisten
anderen vor, neben und hinter mir noch schlechter aussehen. Wir fahren, nein
wir schleichen fasst einmal um den Berg, bevor die nächste Kehre kommt. Dann
folgen zwei kurze Teilstücke und dann??? Eine „Fata Morgana“!! Ein
Getränkestand!! Oder was Flimmert da in der nächsten Kehre? Waaasssser!
Reeeeeed Bulllllllll! Genau das was ich jetzt brauche. Wir trinken das Zeug,
als wenn wir schon 14 Tage nicht’s mehr getrunken hätten. Noch Drei Kehren ruft
einer. Jau, dann nix wie weg hier. Auf die Räder und Los. Der Sack hat nur nicht
gesagt, dass wir noch einmal fasst ganz um den Berg müssen. Dann haben wir es
geschafft. Anja und ich klatschen uns ab, als wir vor dem Tunnel stehen. Es
zieht wie Hechtsuppe und wir legen die Winterjacken an.
Danach geht
es durch den Tunnel bis auf die Passhöhe. Da steht dann das ersehnte Schild mit
der Aufschrift: Da hast Du Deinen Traum!
Anja und ich fallen uns um den Hals.
Dann rauschen wir ab in die Tiefe. Volle Dose kacheln wir den Berg hinab. Und
dann steht er da, … der Konterberg! Noch mal für 2 Kilometer mit 8% bergan. Wir
fahren, als wären wir die ersten. Rauschen an so’nem Typen vorbei, der sich
selbst anschreit. Scheiße, wenn man bis hierher gekommen ist und den Konterberg
nicht mehr auf der Rechnung hatte. Wir lassen die Mautstation hinter uns und
fahren die Serpentinen hinab. Auf der Hauptstraße nach Sölden liegt noch so’ne Schüppe
Sand, an der ca. 12 Leute zerbrechen. Mit Anja im Windschatten hämmern wir mit
40 km/h an denen vorbei. Paaah, wer hier stehen bleibt ist selber schuld. Dann
kommt das Ortseingangsschild von Sölden. Da wird dann auch wieder heftig
geklatscht und gesungen. Wir rasen an den Schildern „noch 1000m“, noch 500m“, „noch
200m“ vorbei und steuern ins Ziel. Ich höre mich schreien: „Jaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa,
Geschaaaaaaaaaft“ und falle Anja um den Hals. Wir sind um 19:30 Uhr in Sölden
im Ziel, ich glaub das nicht.
Etwas
ernüchternd war dann der Anblick von Thomas und Ralf, die waren nämlich schon
geduscht und umgezogen. Bevor Anja und ich dann in die Dusche sind, haben wir uns
das Finishertrikot abholen. Damit da keine Missverständnisse aufkommen, Anja in
ihre Dusche und ich in meine!!!
So, wer jetzt
die wilden Schilderungen von meinen Blähungen erwartet hat, den muss ich
enttäuschen. Dafür war auf dieser Fahrt Wolfgang zuständig, aber das wir wohl
eine verborgene Geschichte bleiben.
An dieser
Stelle möchte ich mich bei den Supercup-Fahrern und bei meinem Personal-Trainer
Thomas Darming bedanken. Die haben mich in der Vorbereitung, auch in
Schwierigen Situationen, immer unterstützt und vorangetrieben. Danke! Euer
Klaus.
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