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Jahresfahrt Frankreich 2018

ein Bericht von Katharina Lustgarten

Attention! Les cyclistes viennent! Oder: Das Bier und die Hügel

Ein Lustspiel in zwei Aufzügen (keine Fahrstühle).

1. Aufzug:

Tag 1: Anreise
Teil 1 spielt in La Braisière, Saint Romain. Ein kleiner Ort in den Hügeln zwischen dem Périgord und der Dordogne, malerisch und ein wenig verschlafen, ca veux dire sehr wenige Autos! Nach und nach trudeln am Samstag die verschiedenen Fahrgemeinschaften ein. Es ist Sommer reloaded. In dem Hotel La Braisière, das aus solidem Pappmaché gebaut ist, werden wir von Madame und Monsieur freundlich empfangen und bekommen unsere Zimmer, die akustisch alle hervorragend vernetzt sind. Während einige gleich aufsatteln und die Gegend erkunden (es ist nicht einfach, sich dort nicht zu verirren!), gehen andere einkaufen oder relaxen einfach im Garten und hüpfen in den Swimming Pool. Madame wird auf Trab gehalten und kommt kaum nach mit den Bierbestellungen und uns wird schnell klar, dass wir uns dahingehend besser selbst versorgen sollten. In unserem Fahrradstall entsteht ein beachtliches Warenlager aus Wasser, Bier und Bananen, das stetig ergänzt und aufgefüllt wird. Zum Abendessen, das wie in Frankreich üblich aus vier Gängen besteht, gibt es Gänsekeule. Erwartungsvoll sehen wir der ersten Tour entgegen:

Tag 2: 16 kleine Rietbergerlein, die gingen einmal radeln…
Nach dem obligatorischen Gruppenfoto in gelb-schwarz mit roten Akzenten geht es los, erst mal bergauf. Nach nur wenigen Kilometern merken wir: es fehlt einer. Ein lautes „HAAAALT!“, das uns in den folgenden Tagen noch viel in den Ohren klingen wird, stoppt unser ambitioniertes Unterfangen. Wir stehen. Und das nicht zu kurz. Nach einigen Telefonaten macht sich einer, dann ein zweiter, auf die Suche nach dem verlorenen Schaf. Eine halbe Stunde genießen wir im Schatten die wunderschöne Landschaft, bis der Suchtrupp mit dem Abtrünnigen wieder zu uns stößt. Lauten Forderungen nach pekuniärer Wiedergutmachung (Spende für die Getränkekasse) kommt der Delinquent (großzügig) nach und wir können unsere Tour fortsetzen. Das Wetter ist bombig und es geht eigentlich ständig auf und ab, mit herrlichen Blicken über eine weite, wellige Landschaft unterbrochen von pittoresken Dörfern, in denen sich wunderschönen Kirchen und immer eine Mairie (Bürgermeisterei) mit Schulen finden. Gegen Ende der Tour machen wir eine Doppelpause in Rietbergs Partnerstadt Ribérac, nach dem Foto unterm Ortsschild stürmen wir einen Biergarten, und die erschrockenen Kellnerinnen versichern uns, dass wir zwar etwas zu trinken bekämen, aber sicher kein Essen – zu sechzehnt! Und so laut ;-)! Dafür gibt’s dann im Ortskern auf dem Marktplatz Kaffee, Eis und Kuchen und ein weiteres Foto, diesmal vor dem Hôtel de Ville (Rathaus). Und frisch gestärkt sind die zwei (?) letzten Anstiege bis zu unserem Hotel ein Kinderspiel und wir können den Rest des Nachmittags wieder mit Bier und Cola am Pool genießen… und das Abendessen und mehr auf der Terrasse, viel schöner als am Abend zuvor im Speisesaal… und Vorräte hatten wir ja besorgt…

Tag 3: Die Brücke am Fluss
Nach zweimaligem Durchzählen, dass auch ja kein Radler auf der Strecke bleibt, sind wir noch keine halbe Stunde unterwegs, als wieder das bekannten „HAAAALT!“ ertönt. Diesmal ist es ein Platten, aber kein einfacher und irgendwas am Lenker stimmt auch nicht. Aber eine schönere Stelle für einen Platten hat es nie gegeben, wir sitzen oder stehen im Schatten großer Bäume auf einer steinernen Brücke über einem plätschernden Fluss, Trauerweiden hängen ihre Äste ins Wasser und das Sonnenlicht tanzt zwischen den Blättern. GEBALLTE ROMANTIK wäre das für empfindsame Gemüter, aber es sind ja Rennradler unterwegs ;-). Die Weiterfahrt gestaltet sich wellig wie am Vortag, hier gibt es nur wellig, entweder rauf oder runter, es geht Richtung Périgueux, der größten Stadt in der Gegend. Aus der Idylle der einsamen Hügel mit ohne Autos, landen wir unmittelbar in Labyrinth der Kreisverkehre einer französischen Stadt. Nach einem circa halbstündigen Überlebenskampf gegen LKW’s mit wenig Verständnis für Radfahrer landen wir in der Innenstadt auf einem beeindruckenden Marktplatz reinster französischer Renaissance. Ein sehr fähiger Maître versorgt uns in kurzer Zeit mit Getränken und Essen, die meisten schieben sich einen Hamburger zwischen die Kiemen. Ach ja… der Hamburger. Der Vorschlag, statt wieder durch den üblen Verkehr zu gurken, lieber einen Radweg am Fluss stadtauswärts zu suchen, stößt auf breite Zustimmung und ist von Erfolg gekrönt: entspannt radeln wir entlang der Isle stadtauswärts, um wieder auf unsere Route zu gelangen. Und plötzlich ist sie vor uns, die Wand. 18 %. Mindestens. Und das nicht nur auf 100 Metern. Kette links kämpfen wir nicht nur gegen die Steigung, sondern auch gegen die Hamburger, die sich gegen die plötzliche Anstrengung nach der langen Pause zur Wehr setzten. Aber wir gewinnen, kein Hamburger findet den Weg nach draußen. Aber es ist heiß. Einer der vielen Stopps auf der Rückfahrt ist an einem kleinen Supermarkt, um die Flaschen aufzufüllen und was richtig Kaltes aus dem Kühlregal in den Hals zu kriegen. Nach 111 km und 1348 hm landen wir wieder in der Braisière und springen in den Pool. Geduscht, natürlich.

Tag 4: Tour de Vins de Grand Cru und ein bisschen Abenteuer…
Die Wellen und Hügel führen uns nach einem pünktlichen Start Richtung Bordeaux, wobei wir der Stadt nach unseren Erfahrungen des Vortags nicht wirklich nahe kommen wollen. Die Landschaft verändert sich, die gewohnten Stoppel- und Maisfelder weichen mehr und mehr Weinbergen und ständig geht es bergab… Spekulationen über den Rückweg werden angestellt… und plötzlich, nach einer Kehre, oben in den Hügeln ein überwältigender Anblick: die Dordogne mäandert breit und schlammig durch ein weites Tal. Wir fahren weiter bergab, bis wir am Fluss sind und dann links Richtung Libourne. Wir machen Mittagspause in einem Restaurant direkt am Fluss, mit Blick auf eine große steinerne Brücke und die Altstadt. Die Region heißt Libournaise und ist bekannt für die berühmtesten (und teuersten) Weine der Welt: Pomerol und Saint Emillon. Der Rückweg führt uns durch deren Weinberge, die Ortsnamen lesen sich wie die Weinkarte eines französischen Spitzenrestaurants und links und rechts pflastern die „Chateaux‘s“ unseren Weg. Wir sind mitten drin im Grand-Cru-Gebiet und ich habe nicht mal einen Rucksack dabei. Weinberge, nein, sanfte Weinhügelketten, soweit das Auge reicht. Es ist der heißeste Tag von allen und die Wasserflaschen sind schnell leer. In einem größeren Ort fragen wir nach einem Supermarkt und haben Glück: Madame und ihr Hund schicken uns zum Carrefour express und wir können den Wassernotstand beheben und den Heimweg fortsetzten. Plötzlich eine Straßensperrung und (unabhängig davon, wie wir später merken) ein Waldbrand voraus. „Ach, mit den Rädern kommt man doch meistens überall durch“ lautet der Tenor und wir lassen die Déviation (Umleitung) links liegen. Bis wir dann an die Vollsperrung kommen. Da ist keine Straße mehr. Nichts. Rien. Nada. Niente. Doch einige Autos, die ebenfalls die Déviation missachtet haben, biegen einfach rechts ab auf eine kleine Nebenstraße und wir folgen dem Beispiel, immer mit einem besorgten Blick auf den Waldbrand und das Löschflugzeug. Das Glück ist mit den Waghalsigen, nach wenigen Kilometern stehen wir auf der anderen Seite der Vollsperrung und können bis Saint Romain wieder dem Navi folgen und schließlich ein bisschen sonnenverbrannt und erledigt nach 144 km und ? hm in den Pool hüpfen. Splash! Der letzte Abend in der Braisière endet wieder mit einem leckeren Abendessen auf der Terrasse und um Mitternacht können wir noch auf Haralds Geburtstag anstoßen.

Zweiter Aufzug: Tag 5: Ruhetag
Wir verabschieden uns am Morgen von Madame und Monsieur und verlegen unseren Standort aus dem Périgord ins Loiretal, die Region heißt Tourraine, benannt nach einem keltischen Stamm, der dort schon um das Jahr 600 siedelte. Wir erreichen in St. Julien de Chedon unser Hotel Jardin de Canaan und stellen fest, dass es nicht nur drei Vierbettzimmer, sondern auch die Aussiedlung eines Truppenteils gibt. Nach einigem Gegrummel versöhnen das wunderbare Ambiente, die Gastfreundschaft von Yvon und Marie und das fantastische Essen, mit Aperitif im Garten, mit den Umständen. Die Aussiedlung erfolgt ins Nachbardorf Faverolles sur Cher, auf ein Anwesen namens La Bretesche, dessen kleine Ferienwohnungen mit Aufenthaltsraum und Liegewiese auf Anhieb überzeugen. Frühstück gibt es dort in der Villa der Vermieter, deren Gastfreundschaft überwältigt: in einer kupferbestückten Wohnküche werden uns zum Frühstück u.a. frisch gepresster O-Saft, verschiedene Marmeladen und jeden Morgen ein anderer Kuchen serviert, alles selbstgemacht. Kulturliebhaber besuchen am Nachmittag noch das beliebteste aller Loireschlösser, das allerdings am Cher liegt: Chennonceau. Auf einer Brücke über den Cher gebaut leuchtet es weiß in der Sonne und beherbergte so berühmte Frauen wie Diana de Poitiers und Katharina de Medici.

Tag 6: Es wird nicht regnen
Sommer 2018! Regen? Ach was, das gibt’s doch nicht. Das erste Mal starten wir nicht um halb zehn sondern verschieben die Abfahrt nach hinten, um dem Regen zu entgehen. Es wird die kürzeste Tour unserer Reise und wir lernen die schöne Landschaft der Loire unter einem grauen, wolkenverhangenen Himmel kennen, eine wunderschöne Fluss- und Hügellandschaft, reichlich mit Weinanbau, Schlössern, Burgen und Ruinen bestückt. Einsetzender Nieselregen wird kommentiert mit „naja, ist ja wenigstens kein Wolkenbruch“. Das lässt sich das Wetter nicht zweimal sagen und liefert prompt den Wolkenbruch. Wir suchen Schutz unter einem großen Baum an einem Fluss, doch der Regen ist so stark, dass das Laub ihn nicht abhalten kann. Ab einem bestimmten Punkt kann man nicht mehr nasser werden und so fahren wir weiter. Irgendwann lässt der Regen nach und wir nehmen Kurs auf unsere Domizile: in Montrichard biegen wir auf eine gesperrte Straße ab, die schließlich zur Sackgasse wird und an den Leitplanken einer Route Nationale endet. Doch wir haben leichte Rennräder und keine schweren E-Bikes, so hieven wir unsere Drahtesel mit leichter Hand über die Leitplanke, klappern mit unseren Klickern über die Straße und fahren über das Gelände einer Renaultwerkstätte wieder auf den rechten Weg. Da es dank der kurzen Tour noch früh am Tage ist, reicht die Zeit für die Kulturfreaks noch für einen Besuch der Altstadt und des königlichen Schlosses in Amboise: lange Jahre Sitz vieler französischer Könige, hat es eine spannende und wechselvolle Geschichte (kann man googlen;-)) und in einer kleinen Kapelle im Schlossgarten befindet sich das Grab Leonardo da Vincis, der seine letzten Lebensjahre, einer Einladung Francois I folgend, in Amboise verbrachte. Abends gab’s wahlweise Fußball oder „Party“ in der Bretesche; aber beim Fußball kam es zu einem folgenschweren Vorfall:

Tag 7: Tour de Platten
Ob es tatsächlich an Bruno Grünwalds (Name von der Redaktion geändert) Fluch am Fußballabend in einer Kneipe lag (ich wünsche dir Kettenriss, Speichenbruch, Plattfuß), wird man wissenschaftlich nie beweisen können. Doch ist es sicher von Vorteil für B.G., dass er nicht den finsteren Zeiten des Mittelalters lebte. Tatsächlich haben wir auf unserer letzten Tour 6 (sechs!!!!!!) Platten. Das erste „HAAAALT!“ ertönt am Rande eines Feldes, an dessen Graben einige hochbegabte Handwerker versuchen, ein Wasserrohr zu verlegen. Tatsächlich hat der Platten den am gestrigen Abend „Verfluchten“ heimgesucht und es werden schon etliche Witze darüber gerissen, so dass es zusammen mit dem Schauspiel, das die Rohrverleger bieten, ein kurzweiliger Aufenthalt ist. Doch nur einige Kilometer später ertönt das zweite „HAAALT!“ und als klar wird, dass der Platten am selben Fahrrad wie eben ist, beschleicht uns das ungute Gefühl, dass heute der Wurm drin ist. Aber als dann das dritte „HAAALT!“ ertönt, jetzt hat es einen anderen Fahrer getroffen, sind wir uns sicher, dass Hexerei im Spiel sein muss. Die fortgeschrittene Zeit steht in keinem Verhältnis mehr zur Anzahl der gefahrenen Kilometer und so suchen wir in Château-Renault eine Pizzeria auf um uns von den Strapazen des Wartens zu erholen. Doch kaum sind wir wieder unterwegs, als dem vierten Reifen die Luft entweicht und der vierte Schlauch des Tages eingezogen wird. Fragen nach einem Taxi werden laut und ob denn einer Licht dabei hätte, wenn das so weiter geht? Warnungen, die Räder ja nicht auf Dornen abzustellen, werden ausgesprochen, die Stimmung ist ein wenig gedrückt. Endlich geht es wieder voran und wir hoffen, dass der restliche Weg ohne Unterbrechung verläuft, sodass wir das fünfte „HAAALT! PLATTEN!“ zunächst für einen schlechten Witz halten. Aber es ist leider keiner. Wir stehen in einer kleinen Ortschaft vor der Pfarrei, da ist Schatten und es gibt einen Bücherkasten, fünf Seiten eines vielversprechenden Romans später, können wir die Fahrt fortsetzen. Ohne weitere Zwischenfälle passieren wir Amboise (das Schloss vom Vortag, dort war die Pause geplant) und werden mit einem wunderbaren Blick auf Altstadt und Schloss ein wenig über die verplattete Tour getröstet. Wir erreichen das eine Domizil, „La Bretesche“ und lassen den späten Nachmittag und unsere letzte, ereignisreiche Tour, auf Einladung von Franz bei kaltem Bier im Garten ausklingen. Für Kultur ist heute keine Zeit mehr und wir freuen uns auf das letzte Diner im Jardin de Canaan. Auf der Fahrt dorthin, nach der Bierpause, quelle surprise, der sechste Platten. Nach einem wunderbaren Diner lassen wir unsere französischen Gastgeber mit einem Lied nach der Melodie der englischen Nationalhymne hochleben und beschließen den Abend im Garten, im mittlerweile sehr beliebten Stuhlkreis.
Alle sind gesund und unverletzt wieder in Rietberg angekommen. Vive la France!

 

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